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Auszug aus:
Der Amtsbezirk Stein
Von Curt Bürger
Geschrieben von Holger Knoblauch

Gemeinde Schalkendorf

Ein sandiger, langsam ansteigender schmaler Landweg bringt uns aus dem kleinen Bauerndorf Caspendorf nach dem schön gelegenen Schalkendorf. Es ist nicht erwiesen, dass nur Schalken das Dorf angelegt haben oder darin wohnen, aber wie in jeder anderen Gemeinde hat es auch hier Menschen gegeben, die manchmal den Schalk im Nacken hatten. Lebte der humorvolle Krugwirt Emil Kirschke noch, er könnte uns tagelang Geschichten von Bauern und Förstern, Fischern, Handwerkern, Waldarbeitern und Musikern erzählen, von einem besonders tüchtigen, der im Winter mit dem Rad von Sommerau bis zur dritten Ablage zwischen Feldchen und Lannoch kam und dann auf dem spiegelblanken Eise, mit dem großen Baß auf dem Rücken, den Geserichsee überquerte und sich doch leider kurz vor der Dampfer-Anlegestelle einen Ausrutscher erlaubte; der gute Otto saß oder lag nun im Baß – das Fest
wurde aber trotzdem gefeiert, und Otto blies den Tubabaß!

Der Krug unter den großen Kastanien sah von außen recht unscheinbar aus, drinnen aber war es urgemütlich, hier war der Mittelpunkt des Dorfes. Es gab Kolonialwaren für die Hausfrauen, Bonbons für die Leckermäulchen und Rauchwaren sowie herrliches Bier für durstige Männerkehlen. Abgesehen von Schmiedemeister Podgurski, Stellmachermeister Palutzki, Sattlermeister Kensa und einigen Maurern, Zimmerleuten und Waldarbeitern, bestand die Bevölkerung aus großen und kleinen Bauern.

Schalkendorf hatte nur etwa den dritten Teil der Bodenfläche der Gemeinde Stein = 367 Hektar.

In den 64 Haushaltungen am Geserichstrand lebten und arbeiteten 321 Bewohner, deren letzter Bürgermeister Wiesner hieß. Im Dorfe wohnte auch der derzeitige stellvertretende Amtsvorsteher Schramke.

Nur zwei Häuser vom Krug entfernt lag die einklassige Volksschule. Sie wurde lange Jahre von Lehrer Schmerling, dann von Willi Schultz, später von Wiedwald und nach dessen Versetzung in den Kreis Marienwerder von Fritz Wormeck, dann von Heinz Paatzke, zuletzt von Fräulein Heyduck (Dt.Eylau) verwaltet. In der Amtszeit von Lehrer Wiedwald erfolgte ein großzügiger Umbau des alten Schulgebäudes, wodurch ein geräumiges, helles Klassenzimmer geschaffen und die Dienstwohnung des Lehrers vorteilhaft verbessert wurde (1937).
Die Gemeinde stellte den größten Teil des Schullandes für Wohnsiedlungen zur Verfügung, und so konnte sich hier am Wege nach Quirren 1936 sieben Siedler ihre Häuschen errichten. Auch vor dem Dorf in der Nähe des Kirchhofes wurden einige Siedlungen ausgelegt. Die Schulscheune wurde in der Amtszeit von Wormeck abgebrochen und verkauft.

Dann brach die Neuzeit in das Dorfidyll ein, und die schönen alten Schurzbohlenhäuser mit den kunstvoll geschnitzten Haustüren verschwanden immer mehr aus dem Blickfeld der Besucher, die im schattigen Terrassengarten des Gasthauses bei einer guten Tasse Kaffee die Ankunft des fahrplanmäßigen Dampfers“Martha“, von dem bekannten Kapitän Matzmorr gesteuert, erwarteten. Zwischen Gasthaus und Schule entstand der Neubau von Bogdanski.

Im Sommer gab es eine regelmäßige Verbindung auf dem Wasserwege Dt. Eylau, Schalkendorf, Seefrieden, Jedzowken, Wepers, Schwalgendorf und zurück. Außerdem fuhren Frachtschiffe von Dt. Eylau mit Stückgut, Getreide oder Holz bis nach Elbing, den Oberländischen Kanal mit seinen fünf Rollbergen benutzend. Ab und zu gab es eine zwölfstündige Vergnügungsreise von Dt.Eylau über den Oberlandkanal nach Elbing, an der besonders der Naturfreund seine Lust hatte. Die Skatbrüder aber „ machandelten“ sich so durch die „Jejend“, von den besorgten Frauen liebevoll nebenbei verpflegt, dass sie erstaunt waren, wenn man schon in „Albing“ angekommen war!

Der Gymnasialruderclub Dt.Eylau und Opa Kirschke waren auf eine besondere Art miteinander verbunden. In jedem Jahr, wenn das Eis der Sonne weichen mußte, versuchten eifrige Ruderer im Wettstreit bis nach Schalkendorf zu gelangen, was zwischen den treibenden Eisschollen gar nicht so einfach war, zumal die Ruderboote sehr empfindlich waren, und manchmal mußte die Fahrt auf halber Tour abgebrochen werden!

Hatte ein Boot, oft nach mehrmaligen Versuch, es dann doch geschafft, winkte der Besatzung ein von Oma Kirschke gestifteter Eierpfannekuchen-Größe ganz nach Wahl-, der nach der anstrengenden Fahrt besonders prächtig mundete und wohl verdient war. Opa Kirschke sorgte mit zünftigen Geserichwasser von der Firma Nieckau oder Bewersdorff (Dt.Eylau) für bessere Verdauung. Vor der Heimfahrt überreichte Tante Kirschke der siegreichen Mannschaft den traditionellen Preis, einen Korb voll Eier.

Aber auch die Angler und die Jäger fanden nach gutem Biß und reicher Strecke die Grogakademie – ein Glück, dass die Balken so dicht und niedrig in der kleinen Gaststube mit dem schwarzen Ledersofa und den weißen Zierknöpfen lagen, sonst wären die Hechte bestimmt doppelt so lang und der Mümmelmänner doppelt so viel gewesen, nicht zu vergessen die glücklichen Doubletten! Viel Spaß gab es stets bei der Eisfischerei. Dabei war nicht nur die männliche Jugend auf den Beinen, auch die erfahrenen sachkundigen Bewohner, sorgfältig warm angezogen, erschienen, um zu helfen. Weiterhin gab es auf dem Eis im Winter lebhaftes Treiben, wenn die „Hundeschlitten“, kleine mit starken Ketten kreuzweis verbunden Schlitten, das Langholz von den Ablagen, hoch verpackt, zu den Sägewerken nach Dt. Eylau beförderten. Die glatte Fläche des Eises begünstigte die Arbeit, und Schalkendorfer Pferde zogen die dicken Stämme zur Säge.

Außerdem durfte unter Anweisung der Forstbeamten Brennholz von den Bewohnern der anliegenden Dörfern im Schönberger Forst gesammelt werden. Leicht wurde die Holzlast über das Eis bis auf den Hof gezogen, im Frühjahr gab es ein emsiges Holzhacken, und kunstvoll wuchsen die Holzpyramiden auf den Höfen und in den Gärten hoch, Zeugen von tüchtigem Fleiß. Wunderbar war auch eine Schlittenfahrt auf dem Geserichsee, wenn der Rauhreif den Wald märchenhaft verzaubert hatte.

Handels- und wirtschaftsmäßig war Schalkendorf auf das nur vier Kilometer entfernte Garnisonstädtchen Dt.-Eylau ausgerichtet, und die kulturelle Betreuung von hier aus konnte nirgends besser sein.

Für den Feuerschutz der Gemeinde und des Amtsbezirkes sorgte die Freiwillige Feuerwehr von Schalkendorf mit ihrer modernen Motorspritze. Gründer und erster Brandmeister war Bauer Heinrich Teschke, als letzter Brandmeister war Max Dahm tätig.

Am Sonntag war Schalkendorf stets ein beliebter Ausflugsort, nicht nur für die Zivilbevölkerung, sondern auch für die vielen Soldaten der Dt.-Eylauer Garnision. Vielen ist heute noch aus der Ausbildung- und Unteroffiziers-Lehrgangszeit die Höhe 120 bei und um Schalkendorf eine lebendige Erinnerung.

Die Schalkendorfer liebten ihre Heimat genauso wie jeder andere Bewohner des Kreises Rosenberg, und so war es am 11.Juli 1920 kein Wunder, dass von 220 Stimmberechtigten 219 für Deutschland stimmten, eine Stimme war ungültig. 25 Jahre danach, im Harten Januar 1945, galt es dann plötzlich und überraschend, jedoch von vielen im stillen schon lange befürchtet, Abschied zu nehmen von Haus und Hof, Garten und Acker, See und Wald. Vielleicht war es gut, dass es keine Zeit zum Nachdenken gab. Der lange Treck mußte sich in den Kanossagang einordnen. Im Laufe der Woche zerstreute sich der Treck und kam auseinander.

Die Menschen vom Geserichstrand fanden eine Heimat im großen Vaterland. Aber der rote Milan, der seltene Kormoran und der schwarze Storch haben ihre Heimat um den Geserichsee auch heute noch.
 

Ehrentafel für die Gemeinde Schalkendorf

Es fielen im Kriege 1939/45

Arthur Gudzinski, Ernst Podgurski,
Erich Kaschewski, Hugo Kaschewski, Paul Kaschewski


Auf der Flucht umgekommen

Bauer Richard Kirschke, Bauer Otto Schramke, Gastwirt Emil Kirschke

 

  10  Marion Burke 2004 - 2017

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